Da hat mich doch ein kleines, am Rand miterlebtes Ereignis in den letzten Tagen mal wieder daran erinnert, aus welcher Generation ich denn stamme. Ich bin der absolute, totale, sprichwörtliche und waschechte Babyboomer im wahren Sinne des schrecklichen Wortes. Warum? Na ja, geboren gerade zu der Zeit in der sich das zerstörte Europa und die Schweiz wieder aufrappelten, die Hoffnungen der Menschen hoch standen und mit denen geht ja (das ist heute noch so) bekanntlich die allgemeine Libido einher. Geboren 1956, im Stadtspital Uster, wurde ich – wie so viele auch. Aber zurück, zum Babyboomer.
Wenn man Teil dieser berüchtigten Generation ist, merkt man das nicht, wäre mal meine erste Feststellung. Man merkt es viel später, wenn man so auf den ersten Teil seines Lebens zurückblickt und zum Beispiel feststellt, dass man seine ganze Schulzeit in Provisorien und auf Baustellen hinter sich gebracht hat.
Eingeschult wurde ich in Muttenz BL, bei Fräulein Hardmeier. Unser Schulzimmer war ein Keller unter dem Kirchgemeindehaus. Statt Fenstern gab es Luken, oben der Decke entlang, durch die man die Füsse vom Friedhofgärtner sehen konnte, manchmal. Wir waren vielleicht fünfunddreissig Kinder, da in dem Loch. Und wir waren ja bloss die Überzähligen, denn der sonstige Schulraum, den die Gemeinde hatte, war schon aufgebraucht. Wir Kellerasseln kamen dann glaubs in der dritten Klasse raus ans Licht und in einen von der öffentlichen Hand eilends erstellten Provisoriumspavillon neben dem Friedhof, zu Lehrer Taverna. Fräulein Hardmeier hatte einen gefunden, der auf ihre Stöckelfrisur abgefahren war und wurde uns weggeheiratet. Also bei Taverna im Pavillion, war das nicht übel. Fünfundvierzig Schülerinnen und Schüler waren wir in einer Klasse. Der Taverna nahm’s easy. Heute kündigt ja jeder Lehrer, wenn er mehr als 15 Schüler zu unterrichten hat und geht in Psychotherapie. Das war damals anders. In Muttenz wurden eilig neue Schulhäuser gebaut. Zu spät für mich, denn unsere Familie zog weg, nach Zollikon bei Zürich, nach dem ich noch etwa eine Woche Pro-Gymi im neuen Schulhaus hatte geniessen können.
In Zollikon ging’s ähnlich zu und her. Die zu Muttenz baugleichen blauen Provisoriumspavillons rund um das eigentliche Primarschulhaus. Ich hatte Glück, kam zu Lehrer Humm in ein Klassenzimmer im eigentlichen, alten Schulhaus. Mit ebenfalls so um die 40 Mitschülerinnen und Mitschülern in der gleichen Klasse. Der Richi Humm (inzwischen duzen wir uns seit vielen Jahren) hat uns auch irgendwie saugut über die Runden gebracht. Ich glaube, dem hat das sogar Spass gemacht, so viele Kinder in seiner Obhut zu haben. Er war auch kreativ, wenn es darum ging, möglichst viele Schülerinnen und Schüler an der Krippenspiel-Aufführung in der Aula zu beteiligen. Er nahm das neue Testament zur Hand und hat es kräftig verbogen, so das es in der himmlischen Geschichte neben Maria, Josef, Jesus und den Drei Königen, noch Platz für Schäfer, mehrere Hausfrauen, einen Kellner, einen Sennenbuben, einen Rechtsanwalt, einen Mathematiker, einen Versicherungsagenten, ein paar Engel und einen Koch gab. Der Koch war ich, wie auf den uralten Fotos hier unschwer zu erkennen ist. Die Rollen waren zudem je nach Aufführung noch mehrfach belegt und es soll auch noch einen Elektriker und einen Gipser gegeben haben.
<Auf Bild klicken für grösser>
So ging’s dann weiter. Nach der Primarschule auf nach Zürich, ins Gedränge am Literargymnasium an der Rämistrasse, das aus allen Nähten platzte. Mit Jungs – Mädchen durften damals noch nicht ins Gymi, die mussten ins Semi um Kindergärtnerinnen zu werden, wie sich das gehörte. Auf der anderen Strassenseite baute die Stadt wie wild (aber halt wieder zu spät für mich) an einem neuen Schulkomplex, der heutigen Kantonsschule Rämibühl. Ich war noch an der Einweihungsfeier. Schulräume habe ich nicht betreten, da ich den Ort verliess um mich in Zollikon noch ein halbes Jahr in der 3. Sek zu langweilen, während unserer Klasse dort das alte Schulhaus unter dem Hintern abgerissen wurde, um einem neuen Platz zu machen. Auch davon habe ich nicht viel erleben dürfen, denn es ging ja weiter, an die damalige Handelsschule des Kaufmännischen Vereins in Zürich. Das Schulhaus war das, was man heute slängisch als ‘Kauf’ bezeichnet. Der grosse Saal, wo die Stars auftreten und die Partys steigen, war unsere Aula. Aber auch davon habe ich nicht viel erlebt, schliesslich gehörte ich zu den Babyboomern und die wurden konsequent wegen mangelnden Schulzimmern in Provisorien verlegt. Für mich war das so ein Altbau an der Schöntalstrasse. Während der Zeit baute man fieberhaft beim Escher Wyss-Platz an einem neuen Gebäude für das KV (heute wohl ‘kv Zurich Business School’ genannt), wo ich eben noch eine grandiose Deutschprüfung zum Abschluss hinlegen konnte. Das Gebäude habe ich gerade mal zwei Stunden von innen gesehen. Und so ging’s weiter. Mein erster Arbeitsplatz bei meinem ersten Arbeitgeber, war ein Provisorium.
Trotz all dem, möchte ich nicht missen, ein Babyboomer zu sein. Der ständige Kampf ums Überleben in überfüllten Klassenzimmern machte und hielt fit, hoffentlich auch jung. Himmel, ich nahm mal Spanisch an der Uni in Zürich, da musste man eine Stunde zu früh in den Saal kommen, wenn man einen Sitzplatz wollte. Da ich zeitlich nur relativ knapp an die Vorlesungen kommen konnte, hätte ich einen Feldstecher gebraucht, um den Prof nur schon zu sehen, von meinem Stehplatz in der fünften Reihe an der Rückwand. Hören konnte man ihn von dort hinten sowieso nicht mehr.
Womit meine inexistenten Spanischkenntnisse auch erklärt wären.
Nix. Nada. Bin Babyboomer.
{ 1 Kommentar }

































