Nun, die Idee von dem Blog hier ist natürlich nicht, dass ich andauernd über meine vielen Wanderprojekte und -unternehmen berichte. Da müsste ja dann schon ein dediziertes Blog dafür her – und ich habe schon zwei, das müsste doch eigentlich schon genügen. Trotzdem noch einmal etwas aus der freien Natur. Einfach, weil die Wandersaison 2011 nun wirklich langsam zu Ende geht und weil letzten Donnerstag die Nebeldecke höher hing als sonst, in diesen Spätherbsttagen.
Das kam alles so spontan, dass ich bezüglich Planung oder gar Landkarten überhaupt nichts dabei hatte. Ich war nämlich schon auf dem Weg ins Zürcher Oberland für eine Tour von Steg über den Hüttchopf und die Scheidegg, als am Radio der Mann vom Wetter meinte, die Nebelobergrenze liege bei 1’200 Metern. Das wäre arg knapp für die geplante Tour, ich würde mich im besten Fall gerade knapp über dem Nebel wiederfinden, wobei sämtliche Aufstiege in der Suppe ablaufen müssten. Also disponierte ich während der Fahrt um und blieb auf der Autobahn um später das Toggenburg hinauf zu fahren. Das war zwar auch unter dem Nebel bzw. mitten drin, aber schon etwas heller, irgendwie. In Wildhaus angekommen drückte die Sonne schon stark. Hier war ich also hoch genug. Schnell hin zum Touristenbüro, wo mir eine nette Dame, die sich über meinen spontanen Besuch im Obertoggenburg sehr erfreut zeigte, ein paar Tips gab und mir eine vernünftige Karte verkaufte.
Was daraus geworden ist, will ich hier festhalten. Sei schon jetzt erwähnt, das war eine der schönsten Bergtouren seit langer, langer Zeit. Ein wunderbares Highlight zum Abschluss des Wanderjahres.
Von Wildhaus, dem grossen Parkplatz da, hinter dem Hotel Sonne, steigt man locker und auf Fahrsträsschen hinauf nach Gamplüt. Wer sich den halbstündigen Anstieg sparen will, kann auch eine lustige kleine Seilbahn nehmen, die übrigens ganzjährig in Betrieb ist, wie das Restaurant an der Bergstation. Gamplüt, eben. Steht man auf dieser Alp, sieht man in Talrichtung hinüber zu den Churfirsten, allen voran natürlich zum Chäserrugg, dem mächtigsten dieser imposanten Bergriesen. Schaut man in genau die umgekehrte Richtung, sieht man eigentlich nur eins:

Den Wildhauser Schafberg, der einem fast erdrückt, so steil und nah hat man ihn vor der Nase. Da steig’ ich nächstes Jahr mal rauf, come hell or high water. Aber an diesem Tag war eine andere Tour geplant. Ich machte mich also auf nach Nordosten, in den Tesel, an dessen Ende sich die Teselalp befindet. Der Tesel, ein zwischen steilen Felswänden eingeklemmtes, grünes Tal, gibt einem imponierende Blicke hinauf in die Schafbergwand, eine scheinbar spiegelglatte, vertikale Felswand die im Sonnenlicht fast weiss leuchtet. Sie ist hunderte von Metern hoch und beim Gedanken, dass es Leute gibt (ich traf ein paar junge Frauen an z.B.), die da raufklettern, wird mir schwindlig.
Bei der Teselalp angekommen, ging mein Weg links und steil an der Bergflanke in Richtung Zwinglipass hinauf. Der Weg ist lang, steinig, anstrengend. Aber er ist sehr sicher, offenbar hat man erst kürzlich an einigen abgebrochenen Wegteilen repariert, damit ein Stolperer an diesen Stellen nicht gleich zum mehrhundertmetrigen Absturz würde.

Irgendwann, nach langer Zeit, wird der Weg flacher und verirrt sich streckenweise in einem Irrgarten von Felsblöcken die nach einem Bergsturz vor Jahrhunderten auf einer Alp liegen geblieben sind. In diesem Wirrwar kommt man nicht gut vorwärts und tut sehr gut daran, sich absolut exakt an die auf die Felsen gemalten Wegmarkierungen zu halten. Am besten steht man auf jede drauf, bevor man sich über den Weiterweg orientiert. Grund: zwischen den Felsen gibt es immer wieder tiefe Spalten, die einen an Geltscherspalten erinnern, aber fest zur Topografie gehören, auch wenn an ihrem Grund noch Eis liegt. Da will man nicht reinfallen – und drüberspringen geht auch nicht überall.
Nach vielleicht eineinhalb Stunden Aufstieg von der Teselalp gerechnet, ist das Dach der Zwinglihütte des SAC im gleissenden Sonnenlicht zu sehen. Sie steht kurz vor der Passhöhe in den Felsen, den optischen Hintergrund bilden Girenspitz, Oberscheren und der Altmann, allesamt beliebte Kletterberge. Trotz dem nun wirklich vergangenen Ende der Saison, ist die Hütte noch in Betrieb, das Gastgeberpaar klopft gerade Matratzen aus, die Hütte wird wintersicher gemacht. Für einen Schwatz und einen Schluck langte die Zeit aber noch lange. Der Feldstecher tat gute Dienste, wir beobachteten vom Tisch auf der Terasse der Hütte aus ein paar Kletterer, die sich hoch über uns mit Seilen und Felshaken abmühten. In den wilden Felsstrukturen der Wände über uns kraxelten noch andere Bergler herum, übrigens: Steinböcke. Teilweise sehr grosse Tiere, deren Kletterkünste einem vor Bewunderung den Kiefer auf die Tischplatte knallen lassen.
Weiter ging es zur Passhöhe von wo aus sich ein dramatischer Ausblick hinunter ins Fälental eröffnet. Eine gewaltige Steinwüste, kaum Vegetation, kleinere Schneefelder.

Immer noch labyrinthartige Felsbrockenlandschaft, mit einigen, nicht ungefährlichen Spalten. Mein Weg geht nach rechts, in Richtung Chreialpfirst und Mutschensattel. Eine gute Seele vom SAC hat gross ‘First’ und ‘Mutschen’ auf einen Felsblock gepinselt und rot/weiss markiert, zum Glück. In dem Labyrinth wäre die richtige Richtung schwer zu finden und vom Weg abkommen will man da ja auch nicht. Was folgte, ist eine sensationelle Gratwanderung über mehrere Kilometer.

Nach vielleicht einer halben Stunde und der Traverse einiger kleiner Schneefelder wurde dann hinter mir der Säntis sichtbar, der sich bis anhin vom Blickwinkel her hinter dem Altmann und dem Schafberg verborgen hatte. Gelangt man an den Mutschensattel, wo sich ein Bergwanderweg vom Hohen Kasten mit der eigenen Spur vereinigt, tut man am besten zwei Dinge: Erstens, man kraxelt schnell noch die letzten 50 Meter zum Gipfelkreuz des Mutschen hoch, damit man den im Palmarès hat. Zweitens, man setzt sich in den Schnee oder ins Gras und bestaunt die Aussicht nach Osten. Denn hier blickt man von oben in die vielen Felspfeiler der Chrüzberge und sieht dahinter und dazwischen ins St. Galler Rheintal hinunter, dass da fast 1700 Meter tiefer liegt. Unter einer dicken Nebelschicht, im Fall meines Besuchs auf dem Sattel.

Jetzt ging es wieder bergab. Endlos, wie mir schien, das Tal hinunter zur Teselalp. Der Weg ist steil, führt durch eine zerklüftete Landschaft, in der an einer Stelle sogar leicht geklettert werden muss. Bei einem kurzen Schwatz mit einem anderen einsamen Wanderer, der sich vom Hohen Kasten kommend ebenfalls auf dem Abstieg in Richtung Teselalp befindet, wurden wir uns schnell einig: Beim runterkraxeln wundert man sich andauernd, dass man tatsächlich so weit hochgekraxelt ist. Abstiege erscheinen wie immer anstrengender und länger.
Gut drei Stunden nach dem ich mich von den Hüttenwarten in der Zwinglihütte verabschiedet hatte, erreichte ich dann die Teselalp, von wo es auf sehr komfortablem Weg zurück nach Gamplüt, am Fuss des Schafbergs geht. Dort gab’s auf der immernoch sonnenüberfluteten Terasse des Restaurants noch einen Most gegen den garstigen Durst, nach dieser knackigen Wanderung (16 km, 1’400 Höhenmeter aufwärts, knapp 6 Stunden), bevor der Abstieg in den kalten Nebel begann. Der Blick nach unten zeigte, dass nun auch Wildhaus in der weissen Watte verschwunden war.
Diese wirklich sensationelle Tour bei Wetter, das nicht hätte übertroffen werden, lieferte wieder einen Beweis dafür, dass es sich wegen Naturschönheiten allein kaum lohnt, die Schweiz zu verlassen.
Wir leben im Paradies.
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