Gefallen hat er mir, uns. Ein witziges, spritziges Filmchen, gesprenkelt und bepudert mit schwarzem Humor. Mit einem Cast auflaufend, der durch die Bank – ja, inklusive George Clooney, der mal nicht nur ‘für schön’ dabei war – Topleistungen herüber bringt.
Neben einer ganzen Anzahl guter Lacher bringt dieses Werk, dessen Drehbuch aus der Feder des Regisseurs Jason Reitman selber und derjenigen von Sheldon Turner stammt, ein paar Dinge an den Tag, die man gerne der Kinowelt zuschreiben würde, wenn man denn wirklich könnte. Die im Film thematisierten Fazetten aus dem Wirtschaftsleben sind leider nicht bagatellisierbar, ich kenne sie selber höchst persönlich, einige verfolgen mich tagtäglich, andere haben viel in meinem Leben ausgemacht.
Leben aus dem Koffer, Meilen sammeln, beinahe jeden Hilton-Portier zwischen Denver und Osaka beim Vornamen kennen, den Katalog der besten Club-Sandwiches in Coffee Shops vom Seoul Plaza Hotel bis zum Berliner Kempinski auswendig kennen. Wissen, das man auf Flugreisen an den Schaltern, Zollkontrollen und Security Checks am besten hinter japanischen Geschäftsleuten ansteht, alles, das wie ein Kinderwagen aussieht, oder wie ein Inder oder Pakistani weiträumig umgeht oder gleich zügig überholt, gehört auch dazu. Vielleicht zwanzig Jahre lang war das auch meine Welt. ‘Up in the Air’ erinnert mich daran, an die Zeit. Zürich, Paris, London, Singapore, Manila, Hong Kong, Osaka, alles in ein paar wenigen Tagen. Die Frisur sass damals bei mir, wie bei Clooney heute.
Der Film erinnert aber auch daran, dass ich in meinen bald vierzig Jahren Berufsleben immer wieder Leute (die sich ‘Vorgesetzter’ oder ‘Führungskraft’ nannten) getroffen habe, die ihren eigenen Mitarbeitenden nicht mal in die Augen sehen konnten, wenn es schlechte Nachrichten zu verkünden gab. Kein Bonus. Keine Lohnerhöhung, oder noch schlimmer: Wenn gefeuert werden musste. Die Unternehmen geben sich da ja sehr fürsorglich, wobei diese Mitgefühle nur aufgesetzt sind, Einzelschicksale sind den Firmen egal. Man kümmert sich zwar rührend um die frisch gefeuerten Arbeitskräfte – damit sich die ja kein Leid antun, ob der schlimmen Botschaft und der neuen Lebenssituation namens ‘Arbeitslosigkeit’.
Alles nur Farce. Hier in der Schweiz, auf dem Finanzplatz Zürich genau so, wie in den für den Film gewählten Städten Detroit, Miami oder St. Louis. Auch hier verteilen die Unternehmen sogenannte ‘Packages’ und hoffen, dass ein allfälliger Selbstmord – oder Amoklauf – eines gefeuerten Mitarbeiters nicht etwa schlechte Presse auslösen könnte. Wer und warum jemand von der Brücke springt ist ziemlich egal, solange das Blut nicht bis ins Foyer vor der Direktionskantine spritzt.
Der Film erinnert weiter. An die nächste Stufe, nämlich, alles auch zu erleben hier auf dem Platz Zürich, in Grossunternehmen. Das ist dann die Industrialisierung des Personalwesens. Personalabteilungen folgen den Linienvorgesetzten (den Memmen, die es nicht mal selber fertigbringen, jemandem schlechte Nachrichten persönlich zu überbringen) und verschanzen sich hinter Computerapplikationen, die alles automatisiert und anonymisiert mit den einzelnen Mitarbeitenden aushandeln, das es auszuhandeln gäbe. Bei meinem Arbeitgeber werden sogar Zeugnisse, Lebensläufe (für den nächsten Arbeitgeber oder das RAV, das Regionale Arbeisvermittlungs-Zentrum) vollelektronisch erstellt, der Mitarbeitende braucht bloss ein paar Mausklicks loszuwerden. Gesprochen wird nicht mit ihm, ist nicht nötig. Bei uns beim Personal scherzelt man bereits säuerlich, wann denn das Angebot auf das individualisiert vorprogrammierte Kündigungsschreiben – mit dem der Mitarbeitende gleich von sich aus den Bettel hinschmeissen könnte – ausgeweitet werde.
Siehe da, auch dieses Thema nimmt der nur oberflächlich lustige Film von Jason Reitman mit schwarzem, ja rabenschwarzen Humor auf’s Korn. Eine Spezialität von Reitman, wissen alle, die seinen dunkelschwarzen Streifen ‘Thank You for Smoking’ gesehen haben, in dem ein Werbefuzzi aus der Zigarrettenbranche versucht, seinen Sohn zum Nichtraucher zu erziehen.
Mit Reitman’s neuestem Werk haben wir ein sehr grosse Stück Kino in den Sälen. Ich empfehle ‘Up in the Air’ uneingeschränkt. Was man dann dort im Kino erlebt, eine witzige Komödie mit ein paar melancholischen Momenten, oder ein etwas tiefgründigeres Rencontre mit einem cleveren Drehbuachautor und Regisseur, soll Jede und Jeder für sich selber entscheiden.
Mein persönliches Rating: 8 von 10
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