Er ist nicht so, mag man ihm fast glauben. Auch wenn er daherkommt wie der ‘Multipla’ unter den Autos, das Denner-Bier unter den Bieren oder der Leuenberger unter den Bundesräten. Renato Kaiser, stimmlich unverkennbar vom Bodensee, jetzt allerdings studierenderweise in Fribourg or thereabouts zuhause. Poetry-Slammer erster Güte, wie sein eindrückliches Palmarès zu bestätigen vermag – und er nutzte den entspannten Abend gestern im ‘Musigbistrot‘ zu Bern, um mehr als einmal auf eben dieses Palmarès hinzuweisen, in dem er es seinen Bühnenpartnern Christoph Simon und Sam Hofacher verbal längs und quer um die Ohren schlug. Ohne überheblich zu wirken, übrigens. Bis auf genau das Mass an Überheblichkeit, das der Dichter – ja, den Titel würde ich Renato Kaiser schon zugestehen – durchaus eingeplant hatte und schelmisch augenzwinkernd unter’s Volk bringen wollte. In der zweiten Hälfte des Programms haben es sich die Sidekicks dann nicht nehmen lassen, dem kleinwüchsigen, händeringenden, permanent unter Drogen stehenden, die Welt und sonst alles umarmenden Bodenseepoeten die literarisch-virtuellen Schienbeine blau zu treten.

Es war ein gemütlicher, vergnügter Abend im legendären Berner Literatenlokal wo Wirt Fuad (“ein Yugo, vor dem man sich in Acht nehmen sollte” – so sinngemäss, Renato Kaiser, über seine eigene Boshaftigkeit schmunzelnd) den vollen Laden mit ausgezeichnetem Essen bewirtete. Der kulturell angehauchte Wirt gab übrigens auch eins seiner “wie kam es zu dem Namen?”- Zückerchen zum Besten – diesmal war es die Herkunft von ‘Sarkozy’, dem Namen, der sich nach Fuad über obskure Wege irgendwo aus nordafrikanischer Inzucht und zweifelhaften Übersetzungen vom und ins Serbische herleitet. Genauso viel Gelächter wert, wie Christoph Simon’s detaillierte – allerdings aussersaisonale – Anweisungen zur Wintersicherung von Wellensittichen. Im Zweifelsfall schütteln und nötigenfalls nachölen. Das Losglück bescherte uns Sam Hofacher, der die Impromptu-Einlage auf Basis von Begriffen, welche das Publikum spontan zurief (‘Postautobahnhof’, ‘Teelöffel’, ‘Karbonbremsscheibe’ usw.) zu bieten hatte. Meisterlich gemeistert, in nur wenigen Minuten kam er mit einem durchaus kohärenten, witzigen Geschichtchen daher, das uns die Meriten von Kinderarbeit (in Kinder sollte man investieren, sie sind die Zukunft, schadstofffrei und biologisch abbaubar) in der Ökonomie der Zukunft näher bringen wollte.
Das war Literatur in einer ganz speziellen Form, die wir – ein kleiner Kreis von Bloggern, die dem Aufruf von kusito gefolgt sind – da miterleben durften. Was geboten wurde, war nicht unbedingt von der Tiefgründigkeit belastet, die man von teilweise noch prominenteren Schweizer Literaten (Lenz, Sterchi, Halter, Savolainen usw.) im Musigbistrot anlässlich vom ‘Tintensaufen‘ zu hören bekam. Gerade deshalb passte das Label ‘Rauschdichten’ ganz hervorragend (die Jungs waren diesbezüglich aber sehr diszipliniert – Mineralwasser und kaum ein Schluck Rotwein), denn der nicht eigentlich mangelnde Tiefgang wurde durch eine erfrischende Lockerheit ersetzt. Bei Texthängern hatte das Publikum ‘Heavy Metal!’ zu brüllen (eine Hommage an ‘AC/DC’ die gleichzeitig im Zürcher Hallenstadion auftraten?) – und mehr als einmal kamen die Stotterer und Hänger in den Texten schlicht davon, dass sich der jeweils Vortragende eines Lachens über den eigenmündig erzählten, oft scharfsinnigen Blödsinn nicht erwehren konnte. Es wurde viel gegluckst, da vor Publikum.
Wenn ich bei der Verabschiedung (dies war das offiziell letzte Rauschdichten dieser Saison) richtig mitgehört habe, klang da noch was an, von …”im Sommer vielleicht…”.
Ich hoffe, Fuad wird’s richten. Für sowas komme ich alleweil gern wieder nach Bern!
Für Kurzentschlossene: ‘4th Time Around‘ treten über Ostern im Musigbistrot auf. Näheres auf der Website vom Lokal.


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