Tja, meine Lieben. Das untenstehende Schreiben sagt eigentlich alles, das man zu dem unerfreulichen Stück Papier oben wissen muss. Ich halte Euch auf dem Laufenden.
Stadt Zürich
Stadtpolizei
Abteilung Sonderleistungen
Kommissariat Zentralstelle für
Verkehrs- und Ordnungsbussen
Bahnhofquai 5
Postfach 1067
8021 Zürich
Zürich, 28.12.2009
Verzeigungs-Nr.: 9624407 051 5
Sehr geehrte Damen und Herren
Leider wurde meiner weihnächtlichen Stimmung am 23.12.2009 beim Leeren meines Briefkastens ein brutaler Dämpfer aufgesetzt. Justament da ist nämlich Ihre Übertretungsanzeige vom 22.12.2009 über CHF 250.00 für eine Verkehrsübertretung, begangen am 11.12.2009, bei mir eingetroffen. Hat weh getan, aber dazu noch später, erst noch die Formalitäten:
Dass ich im betreffenden Zeitpunkt am Steuer meines Wagens sass, als ich von der Sihlstrasse in die Gessnerallee einbog, steht ausser Debatte. Ich war der Fahrer, das ist mein Auto (formal betrachtet eigentlich nicht – es ist geleast, mehr kann ich mir nicht leisten) – vollkommen unbestritten ist das Ganze, bezüglich der Täterschaft, also.
Wie aus der Übertretungsanzeige ersichtlich, bin ich 0.6 Sekunden nach dem die Ampel an der betreffenden Abzweigung auf Rot geschaltet hatte, noch auf die Kreuzung gefahren. Diesen Punkt möchte ich insofern relativieren, als dass es dafür einen Grund gab – denn ich fahre grundsätzlich nicht bei Rot über Kreuzungen, ausser ich habe keinen Ausweg – und den hatte ich im konkreten Fall eben nicht. Ich werde versuchen, Ihnen nachstehend den Sachverhalt zu schildern, wobei ich Ihnen empfehlen würde – wenn technisch möglich – bei der Lektüre eine (die bewusste!) Fotografie zur Hand zu haben.
Sie kennen das, in Schrecksekunden schiesst das Adrenalin in die Adern, die Synapsen gehen auf Hochspannung. Trotzdem hat man nach eben dieser Sekunde noch gewisse Bilder im Kopf, wie nach einer turbulenten Liebesnacht. Dass diese Bilder dann vielleicht nicht 100% den Tatsachen entsprechen, leuchtet ein – schliesslich ging es um Information, die man im Zeitraum eines Wimpernschlags sammeln konnte. Mehr Zeit war da nicht, weder auf der Kreuzung, noch wäre da im Schlafzimmer gewesen.
Aber: Sie werden staunen, was ich Ihnen zur Ihnen vom Tatort und -zeitpunkt vorliegenden Fotografie bezüglich der Übertretung sagen kann!
Sie sehen darauf, dass es an der Kreuzung keinerlei Verkehr hatte. Kein Tram, kein Auto, keine Fussgänger. Nix, eine menschenleere Strasse, wie wir sie aus den Zeiten der Schweinegrippe noch in Erinnerung haben. Da erkennen Sie auch meinen Wagen, den silberfarbenen Honda CR-V mit der Nummer ZH596212 wie er direkt hinter einem Smart (?) mit weisser Heckklappe und SG-Nummernschild steht oder in weniger als Schritttempo rollt. Wenn sie Tonaufnahmen hätten, könnten Sie mich auch lauthals fluchen hören, denn das tat ich in dem Moment mit Sicherheit. Dürfte so etwas wie “Wännt scho nöd autofahre chasch, mach das wenigschtens in Sanggalle! %!#’?++!!!?/!” gewesen sein.
Was ist da passiert, an dem grauen Freitagmorgen, kurz vor 08:00 Uhr, in der Dunkelheit, die unsere schöne Stadt noch wie ein schwarzes Satinleintuch überdeckte? Genau das was sie auf der Fotografie sehen. Ich habe einen Unfall verhindert!
Der Wagen vor mir (das dürfte auch sichtbar sein auf der Foto) hat unvermittelt und vollkommen grundlos mitten auf der Kreuzung eine Vollbremsung hingelegt, bis zum Stillstand. Grundlos, denn da war nichts! Keine Katze, kein Fuchs und schon gar kein Fussgänger, Tram, Velofahrer oder sonst was. Nein, der Typ fuhr auf die Kreuzung und stieg dann mittendrin dermassen in die Eisen, weil er wohl nicht mehr sicher war, ob er überhaupt abbiegen will, oder nicht. Die Vollbremsung war nicht, weil er versucht hätte, wegen umschaltender Ampel zu bremsen. Mit Nichten und Neffen!
Auch ich wäre problemlos über die ganze Kreuzung gekommen, wenn der vor mir nicht diesen überfallmässigen Stillstand produziert hätte. Der zwang mich natürlich dazu, selber auf die Klötze zu stehen wie bei einem alten Land Rover ohne Bremskraftverstärker. Dass ich dann deswegen (rutschige Tramschienen links!) praktisch im Stillstand noch über die ‘Ziellinie’ gekommen bin – und das um 0.6 Sekunden! – war schlicht nur eine Folgeerscheinung, eine Laune der Verkehrssituation, eigentlich, mehr nicht.
Mit meinem geistesgegenwärtigen Fahrmanöver habe ich aber eine Auffahrkollision vermieden, für die mich der Sanggaller dann zur Rechenschaft gezogen hätte! Jetzt sitze ich da, habe eine Busse am Hals, die Leute im Tram schauen mich komisch an, seit ein paar Tagen (kann auch das neue Duschgel sein, das ich zu Weihnachten von meiner Freundin geschenkt gekriegt habe – aber wie soll ich das wissen?) und habe ziemlich verdorbene Festtage.
Bitte, liebe Kommissarin, lieber Kommissar. Schauen Sie die Foto nochmal an. Sie werden die Situation darauf sofort erkennen. Ich bin da höchstens mit 3 km/h unterwegs gewesen (eben am vollbremsen!) als zu meinem Leidwesen die Blitzlichtshow hinter mir losging. Es war der Sanggaller, der den Mist gebaut hat. Und ich hab’ den jetzt (den Mist, nicht den Sanggaller) auf der Schubkarre und das wurmt mich mächtig. Ich wiederhole mich: Ich bin mir keinerlei Schuld bewusst. Eigentlich müsste man mich zum Ritter der Strasse schlagen oder mir wenigstens ein paar Beni-Lose schenken. Aber nein, ich soll nun blechen, bloss weil der andere Verkehrsteilnehmer besser mit dem ÖV unterwegs gewesen wäre.
Ich wäre Ihnen echt dankbar, wenn Sie sich das nochmal ansehen und die Sache mit der Busse überdenken würden.
Es sei mir erlaubt, eine Kopie dieses Schreibens auf meinem Blog (wird nur von vernünftigen Verkehrsteilnehmern besucht) zu publizieren, um die Leute da auf dem Laufenden zu halten. Vielleicht möchten Sie mal in einer Kaffeepause auch reinschauen. Die Adresse ist http://haze.ch und solange Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen es nicht übertreiben, wird Ihnen diese Adresse im Büro auch nicht gesperrt, wie das bei Facebook und Twitter leider vollzogen wurde, wenn ich den Zeitungen glauben darf.
Ihrer Nachricht sehe ich mit Interesse entgegen, während ich Ihnen zum kommenden Jahreswechsel alles Gute und allzeit unfallfreie Fahrt wünsche.
Mit freundlichen Grüssen
Ray Kroebl
PS: Zu einem Deal, der nichts als Gutes brächte, wäre ich schon auch bereit: Sie reduzieren die Busse auf CHF 125.00 und ich spende die anderen CHF 125.00 einer wohltätigen Organisation, nämlich dem ‘Pfuusbus’ von Pfarrer Sieber und belege das. So kommt der Sanggaller zwar trotzdem ungestraft davon, aber ein paar arme Zürcher haben dafür ein geheiztes Dach über dem Kopf und ich werde weiterhin guten Grund haben, die Zürcher Stadtpolizei über allen Klee zu loben, wie ich das seit je her tue.



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schön geschrieben – gefällt mir :-)
hoffe die geschichte nimmt noch ein gutes ende für dich
normalerweise halte ich menschen, die so etwas bei polizei- oder anderen instanzen versuchen, für irgendetwas zwischen träumern und querulanten. diese intervention ist aber fast schon poesie, herrlich geschrieben! ich wünsche dir viel erfolg damit!
als fachidiot, der ich bin, aber noch die warnung: wenn’s nichts nützt und du die 30 tage zahlungsfrist verstreichen lässt, wird ein ordentliches strafverfahren angekurbelt, das im falle einer verurteilung (die leider keineswegs auszuschliessen wäre) ganz schön viel zusätzliche verfahrenskosten generieren würde.
die blitzkastenamortisationsrechnung geniesst bei den sehr geehrten damen und herren der stapo eine höhere priorität als ein “shit happens” erlebnis eines bürgers. sie haben eine verkehrsübertretung festgestellt und wollen jetzt kohle. alles andere ist denen sowieso banane. ist so weil ist so und bleibt auch so. schone deine nerven, bezahl halt und vergiss den ganzen scheiss so schnell wie möglich…
Schade, dass du – bei einem für dich positiven Ausgang – wohl nicht darüber schreiben darfst. Verdient hättest du’s allerdings. Von der Busse befreit zu werden, meine ich.
Also ich dachte mir erst auch du wirst damit bestimmt nicht durchkommen. Aber schon nur für das Schreiben müssten sie dir die Buse erlassen. Aber wenn die Bullen bei euch so sind wie hier in Bern sehe ich leider schwarz. Aber toi, toi, toi
Wie wärs mit mehr Abstand zum Vordermann?
… den Sanggallener *gg* ausfindig machen und ihm die Hälfte davon in Rechnung stellen – mindestens!
… an dir ist ja ein Literat verloren gegangen – ich bewundere deinen gehaltvollen Text und die geschliffenen Formulierungen! Schade, dass du die dafür nötige Zeit nicht eingesetzt hast, um etwas Produktiveres zu machen – du hättest z.B. etwas für den Pfussbus leisten können.
… aber über die Ungerechtigkeit der Welt zu jammern ist einfacher.
Immerhin: Ich bin froh, dass du mit deinem Auto nicht in St. Gallen unterwegs bist ;-)
Da bin ich aber mal gespannt, was da geschieht. Normalerweise verstehen die Gesetzeshüter keinen Spass auch nicht, wenn man schlimmeres verhindert hat …
Ich will mich hier nicht über eine schlechte Beziehung auslassen, die schon ewig existiert… ;) Nein, dein Text ist in Ordnung. Da ich wenig bis gar nicht mit der Polizei zu tun habe, weiss ich nicht in wie weit sie deinen Brief in Betracht ziehen werden, doch wie andere schon gesagt haben, nur schon wie der Brief geschrieben ist, sollten sie dir die Busse erlassen. ;)
Gruss aus St.Gallen. ;)
dass hesch niemals würklich gschrebe…^^ aber glich en gaile text..
@all: Herzlichen Dank für die vielen Komplimente, die Zitate, die Trackbacks und Kommentare. Mal sehen, wie die Sache weitergeht.
Wer mich ein wenig kennt, weiss, dass ich den Brief tatsächlich so abgeschickt habe, wie ich ihn hier veröffentlichte. Er ging am 29.12.2009 frühmorgens in den Briefkasten der Post beim Bahnhof Küsnacht.
Genau so etwas ist vor Jahren meinem Bruder passiert, es war wie in deinem Fall auch in ZH (wo sonst) und er musste wegen eines Velofahrers, der einen Wagen vor ihm stürzte genau unter der Ampel bremsen. Als sich der Velofahrer aufgerappelt hatte und die Strasse wieder frei war, fuhr mein Bruder los, da stand die Ampel, die er nicht mehr sehen konnte aber schon auf rot.Die Beweislage war eindeutig, auf dem Foto waren der gestürzte Velofahrer sowie das dahinter stehende Fahrzeug zu sehen, es nützte alles nichts, er hat die Busse trotzdem bezahlen müssen.
Viel Schwein dir.
herrlich :) ich hoffe, die fortsetzung (ob positiv oder negativ) kann auch hier veröffentlicht werden…
naja, hättest Du mehr abstand gehabt, hättest Du noch vor dem auslöser anhalten können. es wäre für mich überraschend, wenn Dir die busse erlassen würde. und ich meine, es wäre auch falsch.
ich hätte ja einfach schon am ereignis-tag den nächsten polizeiposten aufgesucht und den vorfall gemeldet. hast ja gemerkt, dass es dich geblitzt hat. ob du damit durchkommen wirst, wirst du uns bestimmt mitteilen :) good luck