Icke, dit und hamwanich

von Ray am 26/01/2010

in Gebeichtet

Ich liege darnieder. Echt. Schweinegrippe, ganz ohne Zweifel, da brauche ich nicht mal die Meinung meines Griechen, der nicht etwa als Wirt, sondern als mein Hausarzt fungiert. Ich melde mich dann mal noch telefonisch bei ihm, damit der die Statistik nachführen kann. Also, ich, der Ewigskeptische, bin dem Ding auch erlegen. Kein Vergnügen, man mag mir glauben. Da  kann man selber nachvollziehen, wieviele Zähne man hat, denn jeder einzelne tut weh. Genau so wie die (bei mir) vorhandenen Zehennägel, Zehn an der Zahl. Oder die paar Tausend Haarspitzen, die mir noch verblieben sind. Kurzum: Die Schmerzen sind grenzenlos, sie sind überall und man kriegt sie kaum weg. Alles tut weh.

Alles.

Aber ich jammere mal wieder auf hohem Niveau. Denn nur in ein paar Tagen von jetzt, wird sich mein Leben wieder in die geregelten Bahnen einlenken. Ich werde wieder auf den Strassen Zürichs den hübschen Girls hinterhergaffen und im Geiste Noten von 0 bis 10 verteilen, ganz Mann, der ich zum Glück bin. Inzwischen auch wieder Single.

Aber dann, weil ich jetzt hier zuhause rumhänge, bleibt mir auch die Gelegenheit, mit einem Handwerker ein wenig zu reden. Denn bei mir hat’s im Bad (nicht zum ersten Mal) einen Schaden an den Plättli – eigentlich müsste ich an den ‘Fliessen’ schreiben – gegeben. Da hat’s wieder ein paar von den Dingern gelupft und bevor sich H1N1 auf mich stürzte, war schon vereinbart, dass ein Mitarbeiter einer Aargauer Plättlilegerfirma sich um die Angelegenheit kümmern würde.

Der kommt nicht aus dem Aargau. Der freundliche Handwerker, dem ich jede Menge Sachverstand zugestehe, denn ich habe ihn ja bei der Arbeit beobachtet, kommt nicht aus der Zürcher Agglo. Er ist echt, waschecht, Berliner. Und er lebt auch dort, eigentlich. Hat jedenfalls einen Koffer in der Form einer Ehefrau und einer neunjährigen Tochter dort. Der flotte Plattenleger pendelt! Seit zwei Jahren fährt er zwischen dem Aargau und der Spreemetropole (das sind etwa 850 Kilometer pro Weg) hin und her, an den Wochenenden. Weil er hier einen gut bezahlten Job hat, den er in der Form in Deutschland nicht finden würde. Weil seine Frau auch arbeitet und dort in Berlin den Job nicht aufgeben kann, weil sie sonst nie wieder einen finden würde, der ihr den gleichen Kündigungsschutz oder den gleichen Lohn bieten würde. Also bleibt sie in Berlin, die Tochter geht dort zur Grundschule und mein Plättlileger spult Kilometer ab. Viele davon.

Wir haben schon ein paar Tassen Kaffee zusammen getrunken, gesprochen über seine Heimat, seine Stadt (die ich kenne und liebe, was bei weitem nicht auf alle Städte in Deutschland zutrifft).

Er meint “Dit is halt mein Leben, dit jeht nich anners…”, hängt noch an: “…ne Alternative hamwa nich, jetzt fahr’ ick halt hin und her, Kohle muss sein.”

Und ich jammere?

{ 8 Kommentare… lies sie unten oder schreib selbst einen }

1 hosae 27/01/2010 um 8:43

gute besserung!

2 @dworni 27/01/2010 um 13:13

Kranksein relativiert bei mir auch immer Vieles. Genau dafür ist man wohl zwischendurch krank. Tut gut, gute Besserung.

3 Ray 27/01/2010 um 13:22

@all: Danke für die guten Wünsche! Wird ja wieder. Und ja, @dworni, Deine Beobachtung ist sehr, sehr gut und wichtig. Ab und zu mal ‘runterkommen’ hat auch mir noch nie geschadet, im Gegenteil.

4 thinkabout 27/01/2010 um 17:46

Also, die Zehennägel haben mich bei ner Grippe noch nie geschmerzt. Dafür war mir nicht mehr ums Kaffee-Trinken…
So langsam kann ich mir dann eine typische Indikation für die Schweinegrippe zusammenstellen…
Interessant aber vor allem Dein Hinweis auf das deutsche Arbeitsrecht:
Problem genau festgemacht: Die Firmen klagen über das ausgeprägte Kündigungsrecht – und scheuen darum Festanstellungen über alles. HartzIV mag so schlecht sein, wie es will – aber in diesem Kündigungsschutz liegt eben nicht nur ein Schutz begründet – er ist auch eine Barriere für Neueinsteiger. Eine grausame Barriere sogar.
Äh, was war schon wieder das Thema?

5 Ray 27/01/2010 um 20:44

@thinkabout: Zuerst um das, worum es nicht geht: Hat auch mich erstaunt, dieses H1N1 Dingens lässt einen was Magen und Verdauung angeht, vollkommen in Ruhe. Ich sieche also bei normalem Appetit dahin, esse brav wie sonst, kriege einfach das verd… Fieber und die Erkältungserscheinungen nicht los.

Worum es geht: Da hast Du natürlich genau die Zeilen gelesen, die ich mit etwas Camouflage bemalt eben schreiben wollte. Wäre ich ein aggressiver Schreibo, hätten vielleicht noch andere Worte fallen können, da. Jetzt, wo mein deutschstämmiger Vater nicht mehr unter uns ist, bräuchte ich keine Feigenblätter mehr vor den Mund zu nehmen: Ich halte Deutschland für die modernste Bananenrepublik Europas. Dort hat – anders als in z.B. Italien – das einfach zu belächeln ist – der politische Wahnsinn System. Was die Deutschen mit sich machen lassen, ohne sich zu wehren, ist nichts als beängstigend, vorallem, wenn man mal etwas in die Geschichte zurückdenkt.

Womit ich diese Anmassung stehen lasse und mich für den Eintrag meines wenig literarischen Ergüsschens in die BB bedanke.

6 d'Frou G. 27/01/2010 um 23:52

Gedankengruess … schade …

7 Annette 28/01/2010 um 0:33

Ungewolltes Singledasein kann (manchmal) auch krank machen.
Cherchez la femme? Alors: Bon rétablissement, Ernesto

8 Ray 28/01/2010 um 0:43

@Annette: Nö, das ist echt nur Grippe. Aber dann, es gibt Frauen, die sind verd… gescheit. Du bist eine von denen, soviel hab’ ich mir schon abgefingert… ;-)

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