Paul

von Ray am 13/03/2010

in Gebloggt

Nennen wir ihn Paul. Wie er tatsächlich heisst, heissen mag, weiss ich nicht, spielt auch keine Rolle. Paul hat mich beeindruckt, obwohl ich ihn noch nie gesehen habe. Einmal habe ich seinen Schrei gehört, durch eine geschlossene Tür, mehr nicht. Und jetzt geht mir Paul doch nicht mehr so einfach aus dem Kopf.

Gestern habe ich fast den ganzen Tag unter geistig behinderten Mitmenschen verbracht, in verschiedenen Wohnheimen, in einer Werkstätte, wo die etwas weniger schwer behinderten unter Anleitung einfache Arbeiten erledigen. Bürsten binden, Computerschrott ausschlachten, kleine Schreinerarbeiten erledigen, Puppenhäuser bauen, Bettvorleger knüpfen. Mit ihnen habe ich dann auch zu Mittag gegessen, in der Kantine da, es gab Salat und Würstchen im Teig. Am gleichen Tisch sass ein Mann, der einen Ständer mit einer laminierten Fotografie vor sich stehen hatte. Da waren Hände, die Messer und Gabel halten, darauf zu sehen. Naiv erkundigte ich mich: “Ist das, damit er weiss, dass das Messer in die rechte Hand gehört?”. “Nein, die Fotografie ist dazu da, ihn daran zu erinnern, dass er überhaupt das Besteck verwenden soll, denn das vergisst er immer wieder”, klärt eine Betreuerin auf. Der nächste Biss ins Würstchen fiel schwerer.

Links von mir ein Mann meines Alters. Unauffällig wäre er, wenn er nicht permanent irgendwas vor sich hin flüstern würde. Ich habe hingehört, kein Wort verstanden. Das war keine Fremdsprache, aber es war nicht zu verstehen. Ununterbrochen brabbelte er während dem Essen vor sich hin. Später habe ich ihn nochmals angetroffen, unten in der Werkstatt. Dort fegte er den Boden. Und er war ganz still. Konzentriert auf seine Arbeit.

Paul: Der lebt in einer Wohngemeinschaft für schwierige Fälle. Die Wohngemeinschaft wurde ursprünglich nur für ihn gegründet, lange war er der einzige, der in dem Haus da, im mittleren Toggenburg lebte. Mit seinen Betreuern. Heute sind sechs schwer geistig und körperlich behinderte Menschen dort. Betreut von sieben Sozialpädagogen. Mit weniger wäre das nicht zu machen. Denn die Bewohner der Gemeinschaft sind schwierig, sehr schwierig. Paul ist der Allerschwierigste, meinte der Heimleiter, beim Kaffee in einer warmen Stube. “Wir haben Paul aus der Psychiatrie geholt. Dort war er während Jahren in einer Einzelzelle eingesperrt und wurde permanent sediert. Würde man so etwas mit einem Tier machen, käme man in Teufel’s Küche… Jetzt ist Paul hier, er kann sogar wieder gehen. Aber er bleibt schwierig”. Der Heimleiter deutet auf Löcher in den Wänden, zusammengeflicktes Mobiliar. “Hier fliegen die Stühle oft in Kopfhöhe durch’s Wohnzimmer”, lächelt er in seinen Kaffee. “Paul hat in seinen vier Jahren hier eine ganze Anzahl von Betreuern und Betreuerinnen verschlissen, zermürbt, an den Rand des Wahnsinns gebracht.” Eine Wanduhr tickte, Paul schrie irgendwo.

“Um immer wieder neues Betreuungspersonal für Paul zu finden, blieb nichts anderes übrig, als von Anfang an darauf hinzweisen, dass es immer der Betreuer – und nie Paul – sein würde, der geht, wenn es nicht geht. Das hat die Suche nicht vereinfacht. Für diejenigen, die es trotzdem wagen wollten, gab es dann noch einen Test. Wer es für eine Stunde allein mit Paul in einem Raum aushalten konnte, kam für den Job in Frage. Viele, viele, haben das nicht geschafft. Paul ist sehr schwierig.”

“Und Du”, fragte ich den Heimleiter, “warst Du nie in der Situation, dass Du kurz davor warst, wegen Paul den Bettel hinzuschmeissen?”

Er lächelte wieder in seine Kaffeetasse.

“Nein, weisst Du, Paul ist meine Herausforderung, ich will diesen Berg vor mir nicht missen. Es geht ihm viel besser jetzt – und das hat er verdient, das steht ihm zu. Dafür zu sorgen, dass das auch so bleibt, ist meine Aufgabe”.

Meine Fahrt zurück nach Zürich, am Abend, war nicht einfach, die Eindrücke erdrückten.

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1 chm 13/03/2010 um 12:55

man kann gar nicht genug hüte anhaben, die man vor den betreuern ziehen kann. durch simi kann ich ab und zu auch in diese welt gucken. ich bin in solchen situationen immer schwer beeindruckt. und gleichzeitig enttäuscht von unserer gesellschaft.

2 @dworni 13/03/2010 um 20:03

Eindrücklich. Erinnert mich an mein 2-wöchiges Praktikum in einem Behindertenheim am Bodensee.

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